Die Ideologie der Goethe-Gesellschaft und der Klassik Stiftung Weimar im Kampf gegen Ettore Ghibellino

Anna Amalia und Goethe Akademie
zu Weimar
7. Frühjahrstagung am 30.März 2013
Hubert Speidel

Die Ideologie der Goethe-Gesellschaft und der Klassik Stiftung Weimar im Kampf gegen Ettore Ghibellino

„Dem Goethe gehen sie ja auch nach bis in die intimsten Winkel. Widerwärtig, diese Goetheschwärmer und -philologen! ´s ist nicht das Rechte. Wie langweilig ist der Briefwechsel mit  Frau v. Stein, wo es sich immer nur ums Essen und Trinken handelt“ (Busch 2002).

Ob dieses Aperçu von Wilhelm Busch eine ideologische oder eine polemische Verkürzung der Realität ist, läßt sich schwer entscheiden. Vielleicht war ihm nur die Überschätzung Frau v. Steins ein willkommener Anlaß zum Spott. Damit könnten wir uns identifizieren.

Der Ideologiebegriff hat im Laufe seiner Geschichte Wandlungen erfahren. Sein Schöpfer, der Philosoph Antoine Louis Claude Destutt de Tracy wollte 1796 eine einheitliche Wissenschaft von Vorstellungen und Wahrnehmungen entwickeln, „une science qui traite des idées et perceptions“, die nicht ohne sinnliche Erfahrung auskommt, in Antithese zu dem Rationalismus Descartes‘. Er stand damit wie andere Spätaufklärer den Machtansprüchen Napoleons im Wege. Der Begriff wurde nun abgewertet und erst durch Marx und Engels wieder aufgegriffen: die Gedanken der herrschenden Klassen, die mit den bestehenden Produktionsverhältnissen in Einklang stehen, sind auch die herrschenden Gedanken der Gesellschaft (Wikipedia 2013).

Wir werden diese Definition unschwer auf die Produktionsverhältnisse von Goethe-Gesellschaft und Klassik Stiftung Weimar übertragen können, auch den Hinweis Louis Althussers, dass Ideologien unbewußt sind. Ideologiekritik im Sinne Karl Poppers umfaßt die Analyse folgender Punkte: dogmatische Behauptung absoluter Wahrheiten, Tendenz zu Immunisierung gegen Kritik, Vorhandensein von Verschwörungstheorien, utopische Harmonieideale und die Behauptung von Werteurteilen als Tatsachen.

Es ist, als habe Popper die beiden Weimarer Institutionen gekannt und gemeint. Er kritisiert aber den totalitären Charakter von Nationalsozialismus und Stalinismus. Ernst Nolte, der selbst Opfer totalitärer wissenschaftlicher Ideologie geworden ist, nannte das 20. Jahrhundert das Jahrhundert der Ideologien der Gewalt (2008). Was den Nationalsozialismus betrifft, so ist er inzwischen ein wohlfeiler Gegenstand politischer Gruppen von rechts und links geworden, die dagegen ihre eigenen Ideologien als Wahrheit und Humanität kontrastieren.

Ideologien spielen auch heute, vielleicht mehr denn je, eine Rolle, weil sie Gewißheiten in einer Welt schaffen, die immer komplexer und unübersichtlicher wird.

Ideologie gibt es nicht nur in der Politik und in den Geisteswissenschaften, sondern z. B. auch in der Medizin. Dass meine Generation als Kinder mit Spinat gequält wurde, den erst Erwachsene freiwillig essen, nämlich weil er wegen seines hohen Eisengehalts so gesund sei, war eine einfach organisierte Ideologie. Sie beruhte darauf, dass Justus v. Liebig, der den Kunstdünger erfunden und damit große Teile der Menschheit von Hungersnöten befreit hat, ein Komma falsch setzte.

Ein anderer Großer ist Samuel Friedrich Christian Hahnemann. Berühmt ist er wegen einer hartnäckig überdauernden, wirtschaftlich mächtigen Ideologie des similia similibus oder, mit Matthäus 12, 24-27, der Austreibung des Teufels mit Beelzebub. Seine Homöopathie hat einen tiefen Glauben erzeugt, obwohl die Verdünnungen und das Wassergedächtnis so offensichtlicher Humbug sind. Weswegen ihm eigentlich größter Ruhm gebührt, ist nahezu unbekannt geblieben. Er ist der Erfinder der ärztlichen Anamnese, einer diagnostischen und  therapeutischen Maßnahme von allergrößter Bedeutung. Sie transportiert nun den Placeboeffekt der Homöopathie bei seinen  Nachfolgern bis heute, wird aber als therapeutisches Rationale nicht rezipiert, seine Wirkung vielmehr der durch die Anamnese erzeugten Magie der Kügelchen zugeschrieben. Dies und anderes sind Beispiele vergleichsweise harmloser Ideologien.

Viel problematischer sind gesellschaftliche Ideologien, die sich z. B. hinter dem Getöse der antifaschistischen und Kampf-gegen-Rechts-Bewegung verbergen und ein erhebliches destruktives Potenzial entwickeln wie in Deutschland besonders die Kollektivschuldideologie und auf andere Weise weltweit das Gender-Mainstreaming, das mit einem kulturalistischen Irrglauben, von der Bevölkerung kaum bemerkt, der Minderheit der männlichen und weiblichen Homosexuellen eine ungeheure Macht verleiht, die sie mittels der aus dem Holocaust stammenden, inzwischen zu vielen Machtzwecken von Minderheiten nutzbaren Diskriminierungs- und Opferideologie befestigt hat.

Eine deutsche Spezialität, die Antiatombewegung, ist ein Relikt des kalten Krieges, als Deutschland in Ost und West fürchtete, zum atomaren Schlachtfeld zu werden. Die Rezeption der tatsächlichen und befürchteten Folgen in der Öffentlichkeit ist von daher in einem Ausmaß von Irrationalitäten und Realitätsverleugnung beherrscht, dass eine rationale Diskussion kaum möglich ist. Es ist das Schicksal eines Volkes, das den 30-jährigen und zwei Weltkriege, zwei Diktaturen und die Teilung in zwei Machtblöcke nicht aus dem kollektiven Gedächtnis löschen kann.

Idyllischer wirkt auf den ersten Blick eine andere, von der Antiatombewegung nicht unabhängige Ideologie, die grüne Religion, ein altes Element des deutschen Nationalcharakters, der aus Situationen politischer Ohnmacht entstanden ist und sich ein idealisiertes, mystisches Bild von Natur als Teil des kollektiven Selbstbildes entwickelt hat, das als Schutz vor allem Unkalkulierbaren dient. Deshalb sind auch die Kämpfe gegen alle neuen Techniken (Eisenbahnen, Flughäfen besonders) konstitutiv. Es ist ein Natur-Biedermeier, das ohne Verzicht zu haben ist, gar noch als Photovoltaik hohe Rendite abwirft (Möller 2013). Weil der so indoktrinierte Bürger diese vorläufig bequeme Existenz verteidigt, entwickelt sich eine mächtige Öko-Diktatur, der sich die Politik wahltaktisch fügt, gar noch sich an die Spitze der ideologischen Bewegung setzt, wie z. B. bei der Atomenergiewende, mit der eine Partei die Wahl in Nordrhein-Westfalen zu gewinnen hoffte, damit aber scheiterte. Die Folgen spürt das ganze Volk, je ärmer, desto schmerzhafter.

Diese gesellschaftlichen Ideologien, die sich immer als menschenfreundlich und fortschrittlich anbieten, obwohl sie in der Regel das Gegenteil davon sind bzw. sich immer mehr zum Gegenteil entwickeln, je länger und unbehelligter sie wirken, eignen sich wegen ihrer makrosozialen Wirkung als Kontrastbilder zu unserem viel begrenzteren, für die gesellschaftliche Situation nur fokal bedeutsamen Thema, obwohl sich zeigen wird, dass sich innerhalb dieses engen Rahmens eine eigentümliche und durchaus weitreichende Dramatik entfaltet.

Die ideologieträchtige Situation, mit der wir es im Falle der Biographie Goethes, insbesondere seiner ersten zehn Weimarer Jahre, zu tun haben, entstand durch eine Komplexizität der verursachenden und ideologieerhaltenden Umstände, die ohne Vorbild ist. Dazu gehört die Verwobenheit von Goethes Leben und Werk, Goethes unvergleichliche Mischung von Bekenntnis und Verborgenheit, die Mischung von Öffentlichkeit und Diskretion seiner Lebensführung, die Beziehungsstilisierung mit Frau v. Stein, die Korrespondenzkonfiszierung durch den Hof und vor allem die Briefe an „Frau v. Stein“ (Ghibellino 2012).

Dass diese Briefe, die bei aller Suggestivität durchaus Fragen offen ließen, nicht die Folgen hatten, die erst durch Ettore Ghibelllino offenkundig wurden, ist nicht aus diesen Briefen allein, sondern aus dem Zusammenwirken aller genannter und weiterer Faktoren wie dem Denkverbot einer Liebesbeziehung zwischen einer Herzogin und dem nobilitierten Bürgersohn zu verstehen. Bereits am Ende der Monarchie hatte sich die Vorstellung über die persönlichen Beziehungen Goethes zu einem ideologischen Glaubensgefüge verfestigt. Dennoch bleibt es in mancher Hinsicht rätselhaft, warum die universitäre Goetheforschung keine Zweifel und daraus zu folgernde wissenschaftliche Fragestellungen entwickelte. Sie hatte Goethe inzwischen auf einen Denkmalsockel gestellt, der manche Fragen nicht mehr zuließ. So war es den Forschern zwar nicht entgangen, dass die Beziehung Goethes zu Frau v. Stein in mancher Hinsicht rätselhaft war, aber das Rätselhafte wurde als Merkmal der Beziehung verstanden, deren Qualität nicht mehr in Zweifel gezogen wurde. Es boten sich auch keine Anhaltspunkte an, die zu einem Paradigmenwechsel genötigt hätten. Auf die Ungeheuerlichkeit einer geheimen Beziehung zu einer Herzogin kommt eben niemand ohne weiteres, der in philologischen Kategorien geschult ist. Dass die ghibellinische Wende einer spontanen Intuition ohne rationale Begründung beim Anblick eines Bildes entsprang, entspricht den Erfahrungen eines Psychoanalytikers zwanglos. Für den Philologen muß es unseriös klingen, obwohl es in der Wissenschaft genug Beispiele dafür gibt.

Das berühmteste ist die Entdeckung des Benzolringes in einem hypnagogen Einfall des Chemikers Kekulé v. Stradonitz. Der Entdecker der Desoxyribonucleϊnsäure  hatte überlegt, wie er es sich zum Schlafen bequem macht und daraus die Lagerung der DNS-Doppelhelix abgeleitet. Ich verdanke diese Anekdote meinem biochemischen Lehrer Adolf Butenandt, der auch ein Nobelpreisträger war.

In diese Ahnengalerie von Entdeckern ist nun Ghibellino insoweit einzureihen. Dies und die Unvoreingenommenheit des Juristen, der nicht den Denkgewohnheiten der Philologen verpflichtet ist, waren zwar optimale Voraussetzungen für einen Ideenwechsel, aber ein Jurist, also jemand, der in formalen Kategorien denkt, als Entdecker ist für die Zunft eine Kränkung, die nach Möglichkeit vermieden werden muß. Würde sie es nicht, so verdoppelte sie auch noch die andere Kränkung, von Goethe, dem vertrauten, hinters Licht geführt worden zu sein. Und nicht genug damit wäre die Kränkung auch dadurch gesteigert, dass vorhandene, zugängliche Sachverhalte nicht gesehen, nicht beachtet und nicht gewürdigt worden sind.

Es ist naheliegend, den Entdecker, welcher der Zunft derartiges zumutet, zu entwerten. Das fällt natürlich leichter bei einem Fachfremden, von dem man hoffen kann, dass man ihn nicht ernst nehmen muß. Es ist allerdings eine Abwehrstrategie, die nur kurz- bis mittelfristig wirkt. Aber nur, wer sich als Entdecker seiner Argumente sicher weiß und mit der nötigen Hartnäckigkeit ausgestattet ist, übersteht die Wirkung einer solchen Abwehrfront, die erst langfristig erodiert.

Ein analoges Beispiel ist die Haltung von Karl Jaspers gegenüber Sigmund Freud. In seiner Allgemeinen Psychopathologie behandelt er Freud als mediokren Populisten, ein groteskes Fehlurteil, das von seinem im übrigen seriösen Werk seltsam absticht (Jaspers 1953).

Von der universitären Wissenschaft war zunächst jedenfalls kaum Unterstützung zu erwarten. Es bleiben die beiden Weimarer Institutionen Goethe-Gesellschaft in Weimar e.V. und Klassik Stiftung Weimar.

Die Goethe-Gesellschaft in Weimar, 1885 unter Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach gegründet, hat einen Vorläufer in dem seit 1878 bestehenden Wiener Goethe-Verein; sie ist von allen Goethe-Gesellschaften im In- und Ausland mit 3500 Mitgliedern aus 55 Ländern und 57 Ortsvereinigungen mit 8000 Mitgliedern die größte Vereinigung, die sich dem Andenken und Werk Goethes widmet. Seit 1880 schon gab es das von Ludwig Geiger gegründete Goethe-Jahrbuch, und in loser Folge gibt es die Schriften der Goethe-Gesellschaft. Vierzehn Vorsitzende hatte sie seit ihrer Gründung (Wikipedia 2013). Der amtierende Vorsitzende ist seit 14 Jahren im Amt, ein ausgewiesener Jean-Paul-Experte.

Die Goethe-Gesellschaft mit ihren Dependancen ist eine Institution, in der sich gebildete und mit Goethe kennerisch Vertraute zu Vorträgen und Exkursionen zusammenfinden. Ihr Gegenstand qualifiziert sie als konservativ, was heutzutage zu Unrecht wie ein Schimpfwort gehandelt wird, aber sie steht für die Kontinuität einer Bildung, die beeindruckend ist, weil sie sowohl zwei Diktaturen als auch die Ära der letzten 40 Jahr überlebt hat und überlebt, in der eine bildungsfeindliche Mentalität, eine Pädagogik im Niedergang und eine unfähige föderalistische Bildungspolitik die kulturelle Tradition und die kulturelle Zukunft gefährden.

Die Goethe-Gesellschaft hat zwei Probleme, deren eines sie nur schwer, deren anderes sie nur mit einer Einstellungsänderung lösen könnte. Das eine Problem ist, dass das Durchschnittsalter ihrer Mitglieder bei 60 Jahren liegt, eine Folge des demographischen Umbruchs wie vor allem auch der kulturellen, eher der antikulturellen Entwicklung des Zeitgeistes. D. h. dass sich hier eine beeindruckende Bildungserfahrung angesammelt hat, die noch nicht der Altersdemenz zum Opfer gefallen ist, aber es ist nicht mehr das Alter, in dem bevorzugt neue Ideen entstehen, was schon Montaigne (1998) am eigenen Beispiel beschrieb. Dafür hätten wir vereinzelte jüngere Persönlichkeiten, deren sich die Goethe-Gesellschaft zu ihrem eigenen Frommen bedienen könnte, wenn sie diese und deren Ideen nur zuließe.

Und damit sind wir beim zweiten Problem, das zu bedenken ist. In der Satzung der Goethe-Gesellschaft steht u.a.: sie will „zu vertiefter Kenntnis Goethes beitragen, seine Bedeutung für die moderne Welt aufzeigen und der ihm gewidmeten Forschung Anregungen geben.“ Es ist eine würdige Selbstverpflichtung, aber wir müssen feststellen, dass zumindest die Leitung der Goethe-Gesellschaft gegen diese satzungsgemäße Verpflichtung an einer Stelle grob verstößt.

Da gibt es direkt in Weimar einen Goethekenner, der nicht 60 Jahre alt ist, der eine aufregende neue Idee zu Goethe hat, wohl die bemerkenswerteste seit Jahrzehnten. Er hat diese Idee mit einem reichhaltigen Material unterfüttert und das Verhalten und die Beziehungen Goethes in einer wichtigen Phase seines Lebens auf eine plausible, schlüssige, durch Dokumente belegte Weise erklärt, wie dies vor ihm noch niemandem gelungen ist. Selbst wenn ihm dabei auch Fehler oder voreilige Schlüsse unterlaufen sein sollten, so ist sein Beitrag zur Goetheforschung als wahrhaft sensationell zu bezeichnen. Aber was tut die Leitung der Goethe-Gesellschaft? Sie umarmt diese Lichtgestalt, die der Goethe-Gesellschaft die 20-, 30-, 40- und 50-Jährigen mit neuem Interesse an dem Olympier zuführen könnte, nicht etwa, sondern bekämpft und behindert ihn mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, bis hin zur Denunziation bei der thüringischen Regierung.

Es ist für den Außenstehenden ein schwer verständliches Verhalten, nicht aber, wenn man die Faktoren von Traditionsbildung des Denkens und der Vorstellungen, von Zugehörigkeit vs. Fremdheit und des Gruppennarzißmus mit seinen Verletzlichkeiten bedenkt. Solche Gruppierungen sind ja nicht einfach Versammlungen, die durch wissenschaftliche Neugier charakterisiert sind, wie es vor allem naturwissenschaftliche Fachgesellschaften sind, die auf ihren Tagungen  das Neueste der wissenschaftlichen Erkenntnisse austauschen, um es der eigenen Vorstellung einzuverleiben und auf diese Weise auf der Höhe der wissenschaftlichen Welt zu verbleiben. Selbst hier gibt es Denk- und Vorstellungsstile, die es anderen, neuen Denk- und Vorstellungsstilen schwer machen, sich durchzusetzen. Aber hier herrschen die Gesetze der Wissens- und Forschungskonkurrenz, der universitären Qualifikation und der globalen Bemühung um wissenschaftliche Dominanz und Mittel. Hier hat das Neue als Neues einen Interessensvorsprung, solange, bis es durch anderes Neues überholt wird.

Die Neuigkeit der Erzählung der Goethe-Gesellschaft läßt aber nicht das Gewußte veralten, sondern bestätigt es durch vergessene Details und die Erweiterung der Perspektive des Altvertrauten. So entsteht die Vergewisserung über den Reichtum des vertrauten Gegenstandes. Der Vorsitzende wacht also eher über einen Kanon, als dass er begierig sein kann, diesen zu historisieren. Die Kontinuität des Gegenstandes als Gegebenem wird flankiert durch die Kontinuität der Betrachtung. Die Gemeinde genießt die Vielfalt des Gewußten, nicht dessen Veralten. Weil diese Vielfalt auch eine Funktion der Zeit ist, handelt es sich um einen Erlebnis- und Verhaltensstil, der eher dem Alter zukommt. Die Goethekenntnis erweitert sich im Individuum stetig und so lange, als sie nicht den Wettlauf mit der Altersvergeßlichkeit verliert. Aber auch dann noch überdauert sie als Wissensgewißheit.

Ihren Ideologiecharakter erweist sie, wenn sie neue Erkenntnisse nicht in den Corpus des Gewußten einfügen kann und die Neuigkeit als Verletzung des vorhandenen Bildes erlebt und abwehrt.

Im Falle Ghibellinos ist die Wirkung der Ideologie besonders deutlich, weil die neue Sicht, die er den Goetheliebhabern abfordert, Goethe menschlich verständlicher, allerdings auch komplizierter macht und ihn als einen Menschen erscheinen läßt, der uns getäuscht, sich uns systematisch verborgen hat. Das verletzt die in Jahrzehnten erworbenen Gefühle der Vertrautheit. Der Goetheliebhaber wäre mit einem fundamentalen Entfremdungserlebnis konfrontiert, gelänge es ihm nicht, sein Goethebild dadurch zu retten, dass er den Verletzer als Herostratos konfiguriert, der versucht, Feuer an den Tempel der Artemis zu legen. In ihr verehrten die Griechen ja die Keuschheit der Natur. Der Herostrat von Weimar aber nimmt dem traditionell wahrgenommenem Paar die Keuschheit der körperlosen Liebe und verleiht der Herzoginmutter – Mutter! die Sinnlichkeit einer körperlichen Liebe, und einer nächtlichen dazu, einer geheimen, und Goethe hat uns getäuscht.
Das ist in der Tat eine Zumutung, zu viel für ein Bild, das mehr als 150 Jahre gültig war.

Wir sehen aber, dass es eine zunehmende Zahl von Goetheliebhabern gibt, die ihre Vorstellungen ändern können, wenn die neue Sicht auf Goethe die Überprüfung durch ihren Verstand aushält, vorausgesetzt, sie lassen sich auf die Überprüfung überhaupt ein. Ideologien haben nun allerdings eine große Haltbarkeit, weil sie ein starkes Identifizierungspotenzial im Dienste eines stabilen Weltverständnisses besitzen. Deshalb verweigern sich viele an Goethe Interessierte der Kenntnisnahme. Wir kennen das auch aus anderen Bereichen. Sowohl die Bundeskanzlerin Merkel wie auch die Wissenschaftsministerin Wanka verweigerten sich seinerzeit ausdrücklich der Lektüre des Buches „Deutschland schafft sich ab“ (Sarrazin 2010), wußten aber, dass es zu verurteilen sei.

Nun braucht es manchmal Zeit, bis neue Ideen in die Vorstellungen sickern und die Ideologien aufweichen. Im Januar 2012 war ich zu einem Vortrag der Kieler Goethe-Gesellschaft eingeladen und erlebte lebhaftes Interesse und Neugierde. Der anwesende zweite Vorsitzende der Goethe-Gesellschaft meldete sich allerdings nicht zu Wort. Wahrscheinlich haben es Funktionsträger am schwersten, ihre Meinung zu ändern. Ihre Position verträgt keinen Irrtum.

Nun gibt es in Weimar nicht nur die Vereinsspitze der Goethe-Gesellschaft, sondern auch die Klassik Stiftung Weimar. Die Hoffnung, der wissenschaftliche Zweig der Weimarer Doppelmacht hätte eine korrektive Wirkung, erweist sich aber als trügerisch.

In der Ausgabe der Frankfurter Sonntagszeitung vom 17.03.2013 („Die gefährlichen Bürger“) schreibt Winand v. Petersdorff: „Die Taktikregel für Politiker beim Aufkommen neuer Konkurrenten lautet: am besten noch nicht einmal ignorieren.“ Der Anlaß ist die Formierung einer neuen Partei der Euroskeptiker, die der CDU gefährlich werden könnte. Dieselbe Taktik benutzte anfänglich, d. h. vor zehn Jahren und für längere Zeit die Weimarer Klassikstiftung, die Partei der Guelfen sozusagen, nachdem die Ghibellinen sich im Jahr 2003 bemerkbar gemacht hatten. Die welfischen Stadtführer halten das vermutlich bis heute noch durch. Sie halten zu Frau v. Stein. In der Weimarer Bahnhofsbuchhandlung, die ich bei meinen Weimarer Besuchen regelmäßig aufsuche, gibt es allerlei über Goethe, aber nicht die Erzeugnisse der Ghibellinen-Partei. Erst im Herbst 2012 lag dort ein Lexikon Weimarer Persönlichkeiten aus, in dem Zweifel an der Rolle Charlotte v. Steins erwähnt werden (Völkel 2009).

Es ist eine Haltung, die in der Psychoanalyse als Verleugnung zu den Abwehrmechanismen gezählt wird, ein für die Alltagsbewältigung durchaus hilfreicher Mechanismus, nämlich unter der Bedingung, die damit abgewehrte Gefahr sei nicht so groß, daß sie mit hinreichender Wahrscheinlichkeit Realität werden könnte. Im Alltag sind wir gut beraten, Gefahren jedenfalls teilweise zu verleugnen, wenn ihre Realisierungswahrscheinlichkeit weniger als 20% beträgt. Dieses Verhalten ermöglicht es uns, den Alltag gut zu bestehen. Anderenfalls würden wir zu ängstlich, um erfolgreich zu sein oder gar eine Angstsymptomatik entwickeln. Gegen ungewisse Wahrscheinlichkeiten entwickeln wir spezielle Techniken. So würden wir unser Vermögen vielleicht nicht in den Aktien einer Firma anlegen, sondern es vorsichtshalber breit streuen.

Politiker sollten aufkommende Konkurrenz nicht ignorieren, sondern  ihr mit Korrekturen des Parteiprogrammes das Wasser abgraben. Hier ist die Parteiideologie das zu Verteidigende. In der Wissenschaft gibt es das offizielle Ideal der Wahrheitssuche, und dazu bedarf es der ideologiefreien Neugierde und der methodischen Offenheit für neue Erkenntnisse. Das Ideal des Wissenschaftlers ist, von Nachfolgern überholt zu werden, wie das Max Weber formulierte.

Dies aber widerspricht unserer Menschennatur: wir halten unsere Gedanken für wertvoll und wollen sie ebensowenig wie unser Hab und Gut von Einbrechern rauben lassen. Hab und Gut sichern wir durch Schlösser, Alarmsysteme, Wachsamkeit und die Umsichtigkeit freundlicher Nachbarn. Geistige Errungenschaften sichern wir durch logisch stringente Gedankenführung und die Unterstützung gewonnener oder vorgefundener Gleichgesinnter. Die Schlösser und Alarmsysteme sind hier geschlossene Denksysteme und das a priori erworbener, tradierter Erkenntnisse. Sicherer ist die Unterkunft in formellen, übergeordneten Sicherungssystemen wie Vereinen, Gesellschaften und dergleichen, in deren Namen und deshalb mit deren Unterstützung gearbeitet werden kann.

Dabei entwickelt sich ein Stil im Hinblick auf Denkgewohnheiten, bzw. einen Stallgeruch, was die menschliche Nähe betrifft. Als Organismus bilden sie ein Immunsystem, dessen Killerzellen und andere Subsysteme überprüfen, ob Eindringlinge als fremd und deshalb zu bekämpfen erfahren werden, oder ob das Eingedrungene als Nahrung  verarbeitet, aufgenommen und genutzt werden kann.

Die Ghibellinen-Partei wurde von der Klassik Stiftung nicht als Nahrung zur eigenen Stärkung aufgefaßt, sondern als Virus und deshalb als feindlich erlebt. Verursacht ein Virus nur einen Schnupfen, so läßt er sich mit Nichtstun adäquat behandeln. Er verschwindet in Kürze von selbst. Auf menschliches Maß übersetzt würde das bedeuten: einen Spinner läßt man am besten reden, nach dem althamburgischen Motto: goar nich injoriern. Die Aufgabe ist nun zu entscheiden, ob der Kontrahent ein Spinner ist. Man hätte es im Falle Ghibellinos merken können, dass man ihn ernst nehmen muß, weil man sonst nur Scherereien bekommt. Die Klassik Stiftung hat zu lange das Modell des Schnupfenvirus gepflegt, auch noch, als sich ein Freundeskreis Anna Amalia & Goethe gebildet hatte und das Ghibellino-Buch eine zweite, erweiterte Auflage erfuhr. Als schließlich im Jahr 2007 noch eine dritte Auflage erschien, muß man in der Klassik Stiftung verstanden haben, dass das Schnupfenvirus-Modell durch das Fliegenklatschen-Paradigma abgelöst werden mußte.

Die Klassik Stiftung verfuhr nun zwiespältig: einerseits wollte sie nicht anerkennen, dass sie es mit einem ernstzunehmenden Gegner zu tun hatte, der auch nur ihr Gegner war, weil sie ihn wie einen Virus und nicht wie verdaubare Nahrung behandelte. Andererseits konnte sie ihn nicht mehr ganz ignorieren. Immerhin hatte ein unbestreitbar renommierter Goethe-Forscher, Jörg Drews, sich der Ghibellinen-Partei angenähert. Gefahr war also im Verzug.

Im Jahr 2008 veröffentlichte die Klassik Stiftung deshalb eine „Stellungnahme zu den Hypothesen Ettore Ghibellinos“ im Internet, deren Überschrift noch durch das Schnupfen-Modell geprägt war: „Zum Versuch, eine neue Weimarer Legende zu begründen“. So was kann man nur mit spitzen Fingern anfassen, wenn man es schon leider nicht mehr ignorieren kann.

Andererseits machten sich die Autoren eine große, geradezu akribische Mühe, den Gegner nicht nur mit der Fliegenklatsche totzuschlagen, sondern ihn Zug um Zug, Argument um Argument, Inhalt um Inhalt zu vernichten. Liest man ihr Pamphlet unvorbereitet, so scheint dies gelungen.

Schon in der Einleitung aber wird deutlich, dass es nicht um eine wissenschaftliche Auseinandersetzung, sondern um eine Totalvernichtung gehen soll. Offensichtlich – das zeigt der große argumentative Aufwand – war inzwischen erkannt worden, dass die Ghibellinen, die einst zwischen Waiblingen und Sizilien herrschten, ein gefährlicher Gegner sind.

In der „Stellungnahme“ heißt es ziemlich zu Beginn: „Ghibellinos Ansatz ist historisch so fragwürdig, das zugrundeliegende Kunst- und Literaturverständnis derart biographistisch, der Umgang mit den Quellen so unreflektiert, ja manipulativ, die Kenntnisnahme und Einbeziehung der aktuellen Forschungsliteratur so selektiv, dass sich eine ernsthafte wissenschaftliche Auseinandersetzung eigentlich verbietet. In der Fachwelt hat Ghibellinos Veröffentlichung daher weder Interesse noch Unterstützung gefunden. Allerdings vermarktet der Autor mit seinem Buch geschickt das große allgemeine Interesse an der Person Goethes, dabei auch voyeuristische Bedürfnisse bedienend. Inzwischen sind bereits zwei Neuauflagen (2004 und 2007) und eine englische Übersetzung (2007) erschienen. Aus diesem Grund muß diese neue ´Weimar-Legende´ in aller Deutlichkeit als das benannt werden, was sie tatsächlich ist, nämlich eine Erfindung des Autors.“

Diese Exposition beginnt mit einer Kaskade von Totschlagargumenten, die keinen Stein des Ghibellinen-Gebäudes auf dem anderen lassen. Es ist ein Akt der Vernichtung, keine Einleitung einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Es wird klar gesagt, wo die Wahrheit ist, nämlich bei der Klassik Stiftung und keinesfalls bei Ghibellino. Klarer kann man eine ideologische Position nicht ausdrücken. Sie läßt keine Diskussion zu. Folgerichtig verweigern die anonymen Autoren auch die Notwendigkeit einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung. Sie türmen den Olymp auf den Ossa, indem sie feststellen, dass der Autor bei der Fachwelt „weder Interesse noch Unterstützung“ findet. Die Fachleute Nagelschmidt und Drews hätten zu dem Zeitpunkt schon entdeckt werden können. Verräterisch ist allerdings das Wort „eigentlich“, zu dem ein logisches „aber“ gehört. Das „aber“ ist im übernächsten Satz enthalten. Hier wird der Gegensatz von Fachwelt und Publikum formuliert, und zwar als Gegensatz von Sachverstand und Voyeurismus. Das Publikum wird also disqualifiziert. Wenn wir keine Voyeure sein wollen, und das wollen wir alle nicht, dann dürfen wir auch nicht Ghibellinos Buch lesen. Das wäre den Autoren das Liebste. Ghibellino ohne Leserschaft. Aber die Verhältnisse sind nicht so, und deshalb müssen sich die Anonymi zu einer detaillierten Vernichtungsaktion entschließen, damit en détail belegt wird, dass Ghibellinos These eine Legende ist und seine Erfindung.

Denn es ist zu bedenken: würden die Geldgeber der Klassik Stiftung sich von Ghibellinos geschickter Vermarktung anstecken lassen, was nicht abwegig wäre, dann würden sie verwundert Fragen stellen, z. B. die Frage, die der Fachmann Wilhelm Solms vier Jahre später stellen wird, warum sich die Fachleute in Weimar, zu denen man dann allerdings bedauerlicherweise auch den gelernten Juristen Ghibellino zählen müßte, nicht zu wissenschaftlichen Gesprächen zusammenfinden. Sein eigener Forschungsbeitrag ist ein starkes Argement für deren Notwendigkeit (Solms 2012).

Das muß aber zugunsten der ideologischen Machtverhältnisse vermieden werden. Denn die Klassik Stiftung hat sich spätestens mit diesem Dokument in eine Falle manövriert. Sich nun noch mit einem Legendenerfinder an einen wissenschaftlichen Tisch zu setzen wäre ein Gesichtsverlust, nachdem sich die Stiftung so weit aus dem guelfischen Fenster gehängt hat, womit sie dann nur Hohn und Spott ernten würde.

Die „Stellungnahme“ lief auch das Risiko, von dem ghibellinischen Legendenerfinder, der sein Buch so geschickt und publikumswirksam vermarkten konnte, argumentativ bedrängt zu werden. In der Tat ist die Erwiderung der Autoren Weiß & Ghibellino für die Anna Amalia und Goethe-Akademie eine materialreiche, gründliche Auseinandersetzung mit den Widerlegungsthesen der Klassik Stiftung. Deren Argumente erweisen sich in der Erwiderung als kurzschlüssig und fehlerhaft. Insbesondere zeigt sich, dass die Vernichtungshaltung der Stiftungsautoren die grundlegenden Fragen der Korrespondenzzensur des Weimarer Hofes umgeht und sich mit dem Problem nicht auseinandersetzt, dass die Beziehung Goethes zu Frau v. Stein in der  veröffentlichten Zensurversion, die auch von der Stiftung vertreten wird, so unverständlich bleibt, wie sie es immer war. An deren Erhellung besteht keinerlei Interesse (Weiß & Ghibellino 2008). Das gerade ist aber das Verdienst Ghibellinos, das von der Klassik Stiftung wegen ihrer Totalablehnung gar nicht gewürdigt werden kann.

Da wir die ganze Wahrheit nicht wissen können, so hat Ghibellino doch eine Plausibilität hergestellt, die alle bisherigen einschlägigen Vorstellungen dem Veralten aussetzt. Was übrig bleibt, sind noch genügend Fragen, die durch gründliches Quellenstudium und Quellenvergleiche geklärt werden könnten. Die Denunziation von Ghibellinos Forschung als biographistisch und einseitig läuft auf die ideologische Befestigung von mutmaßlichen Irrtümern hinaus, die nicht korrigiert werden dürfen. Damit hat sich die Klassik Stiftung jedenfalls in Bezug auf Goethes Biographie Sterilität verordnet. Das gilt auch für die „stummen“ Zeugen der bildenden Kunst, der die Stiftung kein Interesse entgegen gebracht, ja geradezu einen Riegel vorgeschoben hat.

Zum Unglück für die Klassik Stiftung hat noch im selben Jahr ihrer Stellungnahme ausgerechnet der „Spiegel“ einen kundigen, Ghibellino-freundlichen Artikel samt Interview veröffentlicht (Beyer & Jenny 2008). Lokale Goethe-Gesellschaften haben Interesse bezeugt, renommierte Goethe-Forscher haben sich wohlwollend geäußert und gar in Weimar zugunsten der Hauptthese Ghibellinos einen Vortrag gehalten (Solms 2008).

Zu Wort gemeldet hat sich auch der Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Dieter Borchmeyer, im Geiste der Klassik Stiftung, der sich in der Antwort des Konkurrenzblattes des „Spiegel“, im „Focus“ auf einen kleinen Übersetzungsfehler („la“ statt „le“) kapriziert hat, welcher zwar in der Sache relativ bedeutungslos und auch längst korrigiert ist. Er nannte argumentationsträchtig Ghibellino einen Tölpel und war geneigt, ihm wegen des „la“ Fälschung vorzuwerfen („bis an die Grenze von“) (Schmitz 2008). Das „la“ statt „le“ ließ sich so wunderbar aufbauschen und wurde faute d´arguments dafür auch dringend gebraucht. Ideologie klammert sich, wenn sie schwächelt, an jeden Strohhalm.

Sie dient uns, die komplizierte, unüberschaubare Realtiät zu vereinfachen, aber für eine Institution, die für die Ergründung der Wahrheit geschaffen wurde und bezahlt wird, ist die Ideologie eine Zielverfehlung. Wenn sie es mit einem Gegner zu tun hat, der sich nicht totschlagen läßt, kann es zu einem Kampf auf Leben und Tod kommen.

Das ist bei näherer Betrachtung keine Übertreibung. Die für die Stellungnahme der Klassik Stiftung verantwortliche Person gibt die Goethe-Briefe heraus, ein großes Projekt, das aber, falls Ghibellino Recht hat, schon vor der Entstehung Makulatur ist. Es läßt sich leicht vorstellen, was damit verbunden ist: berufliche Existenzen, ein Großprojekt, viel Geld, der Ruf einer großen Institution. Unter diesem Gesichtspunkt ist der vernichtende Tenor der Stellungnahme verständlich. Die Klassik Stiftung muß wegen ihrer ideologischen Position Ghibellino als Gefahr sehen. Das gälte auch für den Sonderforschungsbereich „Ereignis Weimar-Jena. Kultur um 1800“, der wegen derselben ideologischen Einengung die herzogliche Zensur übersah, wenn er nicht bereits beendet wäre.

Warum die Klassik Stiftung entgegen ihrem wissenschaftlichen Auftrag nicht wirklich wissenschaftlich argumentiert und den Dialog scheut, wird angesichts der möglichen moralischen, existenziellen und materiellen Folgen ihrer ideologischen Einengung deutlich.

Ghibellino hat glücklich den Ort im stillen Auge des Hurricans gewählt, nämlich  Weimar. Spielte die Geschichte in Neapel, Palermo oder auf St. Pauli, so lebte er nicht mehr, sondern läge gefesselt, mit einem Wackerstein beschwert, im Tyrrhenischen Meer oder in der Elbe. In Weimar wird er nur totgeschwiegen. Das ist ein symbolischer, kein realer Akt, und dagegen kann man anreden und wird auch außerhalb Weimars sogar gehört.

Literatur
Beyer, Susanne, Jenny, Urs: Goethes allmächtige Fee. Der Spiegel 39, 2008
Busch, Wilhelm: Gesamtausgabe. Band 10. Tosa, Wien 2002, S. 64
Ghibellino, Ettore: Goethe und Anna Amalia. Eine verbotene Liebe. 4. Aufl., Dr. J. A. Denkena, Weimar 2012
Jaspers, Karl: Allgemeine Psychopathologie. 6. Aufl., Springer, Berlin-Göttingen-Heidelberg 1953
Möller, Andreas: Das grüne Gewissen. Hanser, München 2013
Montaigne, Michel de: Essais. Eichborn, Frankfurt a. M. 1998
Nolte, Ernst: Das 20. Jahrhundert. Die Ideologien der Gewalt. Herbig, München 2008
Petersdorff, Winand v.: Die gefährlichen Bürger. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.03.2013
Sarrazin, Thilo: Deutschland schafft sich ab. 2. Aufl., Deutsche Verlags-Anstalt, München 2010
Schmitz, R.: „Bis an den Rand von Fälschungen“. Germanist Borchmeyer über eine vermeintliche literarische Sensation. Focus 31, 2008
Solms, Wilhelm: Das Bild der Geliebten in Goethes Versen an Lida. Dr. J. A. Denkena, Weimar 2012
Völkel, Ulrich (Hrsg.): Kleines Lexikon Weimarer Persönlichkeiten. weimarer taschenbuch verlag. Weimar 2009
Weiß, Stephan, Ghibellino, Ettore: Erwiderung zu „Stellungnahme der Klassik Stiftung Weimar zu den Hypothesen Ettore Ghibellinos.“ Dr. J. A. Denkena, Weimar 2008